Die Geographie (“Erdbeschreibung”) beschäftigt sich mit Raum. Spätestens seit den Arbeiten von Michael Hermann und seinen Kolleginnen und Kollegen bei sotomo [http://www.sotomo.ch/aktuelle-projekte/projektarchiv/84-atlas-der-politischen-landschaften] ist aber klar, dass die Räume, mit welchen sich die Geographie beschäftigt, nicht immer geographisch oder physisch sein müssen. Wir können zum Beispiel auch Merkmals-Räume, topologische Räume (Netzwerke, wie zum Beispiel Strassennetze, Leitungsnetze oder Gewässernetze) oder virtuelle Räume (zum Beispiel im Internet) analysieren: zum Beispiel die Netzwerke, welche sich aus dem E-Mail-Verkehr oder der Projektzusammenarbeit in der Firma oder aus dem Folgen („Followen“) auf Twitter ergeben. Letzteres untersucht dieser Artikel anhand Schweizer GIS-Expertinnen und -Experten.

Twitter ist ein vergleichsweise einfaches soziales Netzwerk: Die Nutzerinnen und Nutzer schreiben kurze Nachrichten und können die Nachrichten anderer Personen abonnieren (diesen Personen folgen oder „followen“). Ich schätze Twitter, weil man sich selbst einen „Informationsstrom“ zusammenstellen kann, sozusagen die persönliche Branchenzeitung (der Verband Fachleute Geomatik Schweiz ist übrigens auch auf Twitter aktiv: @FGSPGS). Twitter ist aber auch eine Plattform für Kommunikation, denn es ist interaktiv: ich kann (Rück)Fragen stellen und erhalte in der Regel Antworten. Darüber hinaus kann Twitter als Ergänzung zum Lesen von Fachzeitschriften und Blogs dienen.

Erfreulicherweise sind immer mehr Kolleginnen und Kollegen aus der GIS-Welt auch auf Twitter vertreten. Ein systematischer Überblick fehlte (zumindest mir) aber, das habe ich zum Anlass genommen, einen solchen zu erstellen.

Vermessung der Schweizer GIS-Szene 2.0

Um einen Überblick über die GIS-Szene auf Twitter zu erhalten, musste ich zuerst einmal herausfinden, wer über meinen Bekanntenkreis hinaus aus der GIS-Szene überhaupt auf Twitter vertreten ist – keine ganz einfache Aufgabe. Die Lösung liegt in der Nutzung der Twitter-Programmierschnittstelle (API).

Ich habe aus der Gruppe der Leute, denen ich als @rastrau auf Twitter folge, eine Liste erstellt mit Schweizer Accounts, die sich mit Themen rund um GIS, räumliche Analyse und Kartographie auseinandersetzen. Die Liste konnte noch etwas angereichert werden, indem ich  – ganz dem Crowdsourcing-Gedanken [http://geo.ebp.ch/2012/01/24/chancen-und-risiken-von-crowdsourcing-fur-die-offentliche-verwaltung] folgend – meine Twitter-Bekannten nach weiteren GIS-nahen Accounts gefragt und meine Liste entsprechend ergänzt habe. Die Liste umfasste schliesslich circa 35 sogenannte „Seed User“, also Ausgangspunkte für die Analyse.

Diese subjektive Auswahl erfüllte das Ziel einer Vermessung der Schweizer GIS-Szene 2.0 aber natürlich noch nicht. Ausgehend von dieser Liste habe ich mit folgender Methode mir unbekannte Accounts mit ähnlichen Eigenschaften ermittelt: Unter Entlehnung von Know-How aus einem privaten Projekt [http://www.somepolis.ch], habe ich für die Seed User diejenigen Accounts ermittelt, denen sie folgen und die ihnen folgen. Alle so entdeckten Accounts, welche mindestens vier Beziehungen mit meiner Gruppe von Seed Usern hatten, habe ich anschliessend manuell geprüft. “Vier Beziehungen” heisst hier beispielsweise: ein bestimmter Account folgt zwei Seed Usern und zwei Seed User folgen ihm. Bei der Prüfung wurde aufgrund des Standorts und der Beschreibung jedes Accounts (und in Zweifelsfällen aufgrund abgesetzter Tweets) entschieden, ob er der Schweizer GIS-Szene 2.0 zugeordnet werden kann oder nicht. Nach der Prüfung hat sich die Anzahl auf immerhin 74 Schweizer-GIS-Accounts verdoppelt!

Erkenntnisse

Hintergründe der gefundenen Personen

CH_GIS_Szene_Twitter_Bios

Abbildung 1: Wordcloud aus den Twitter-Biographien der gefundenen Nutzerinnen und Nutzer

Abbildung 1 zeigt eine sogenannte Wordcloud der Begriffe aus den “Twitter-Biographien” (Kurzbeschreibungen) der gefundenen Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer. Die üblichen Verdächtigen – gis, geospatial, schweiz, geoinformation, developer, geographer, data, geomatik/géomatique – sind natürlich vertreten. Daneben ist auch die “Open”-Community enthalten mit Begriffen wie open, openstreetmap und qgis.

Wer folgt wem und wer bildet zusammen eine Community?

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Abbildung 2: Communities in der Schweizer GIS-Szene auf Twitter

Abbildung 2 zeigt das Netzwerk, welches die 74 Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer zusammen aufspannen. Mit Software für die Analyse sozialer Netzwerke habe ich die Knoten einzelnen Gruppen (Communities) zugewiesen und sie gemäss der Anzahl ihrer “Branchen-Follower” skaliert. Ich habe also für die Skalierung nicht die Anzahl aller Follower jedes Accounts benutzt, sondern die Anzahl Follower im hier abgebildeten Netzwerk.

Sprachgrenzen aufgehoben?

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Abbildung 3: Sprachen in der Schweizer GIS-Szene auf Twitter

Abbildung 3 zeigt die Account-Sprachen, welche die Nutzerinnen und Nutzer angegeben haben. Die Knoten sind auf dieselbe Art wie in Abbildung 2 skaliert. Die Netzwerkverbindungen erhalten jeweils die Farbe desjenigen Knotens, von dem die Verbindung ausgeht (also vom User, der einem anderen User folgt). Wie man sieht, ist die grösste Fraktion “Englisch”, was aber wohl auch der Standard bei der Account-Eröffnung ist. Spannender ist das Verhältnis von Deutsch und Französisch: Dieses entspricht ziemlich gut der tatsächlichen Grösse der Sprachgruppen von etwas mehr als 3 : 1 – wohl Zeichen, dass der Ansatz für die Entdeckung neuer Accounts funktioniert hat. Es ist auch erfreulich zu sehen, wieviele der Verbindungen über den virtuellen Röstigraben hinweg erfolgen.

Bezug der virtuellen zu den realen Netzwerken

Angesichts der Communities in Abbildung 2 kann man sich die Frage stellen, ob diese virtuellen Beziehungsnetze sich in der Realität widerspiegeln bzw. wie virtuell verknüpfte Personen im echten Leben zusammenhängen – oder eben nicht. Für Abbildung 4 wurden deshalb die jeweiligen Firmen, Behörden und Organisationen, welche hinter diesen Accounts verborgen sind bzw. bei welchen die jeweiligen Personen arbeiten, ermittelt. Es ergibt sich ein schöner Mix von:

  • Privaten: Ernst Basler + Partner, Camptocamp, Esri
  • Bildungsinstitutionen: Uni Zürich, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Hochschule Rapperswil (HSR)
  • Kantonen und Departementen: ZH, GL, BS, Swisstopo, BAFU, MeteoSchweiz, BFS, ASTRA
  • Vereinen und Bewegungen: Free and open source software (FOSS) und Open Data
CH_GIS_Szene_Zugehoerigkeit

Abbildung 4: Gemeinschaften im echten und im virtuellen Leben

Spannend ist nun der Vergleich mit den Communities in Abbildung 2. Ausser FHNW und Esri, welche eigene, eng verflochtene Communities bilden, verlaufen die Community-Grenzen in Abbildung 2 quer durch die in Abbildung 4 identifizierten Firmen, Institutionen und Interessensgemeinschaften: das ist Zeichen einer sehr guten Durchmischung der einzelnen Akteurinnen und Akteure im virtuellen Raum des Web 2.0!

Erfolgsfaktoren

Zum Schluss habe ich noch die Frage nach Erfolgsfaktoren gestellt: Was braucht es, um viele Follower in der eigenen Branche zu sammeln? Gängig ist die Vorstellung, dass man viel Zeit investieren und sehr aktiv sein muss oder dass man lange dabei sein muss, um viele Follower anzuziehen. Wie Abbildung 5 zeigt, erklären diese Faktoren aber bestenfalls einen kleinen Teil der Anziehung eines Twitter-Users. Natürlich braucht es eine Weile, bis Leute auf einen Account aufmerksam werden. Aber schon lange dabei zu sein oder schon viele Tweets abgesetzt zu haben ist nicht unbedingt notwendig, um ein ansehnliches Publikum in der Branche zu haben.

erfolg

Abbildung 5: Erfolgsfaktoren Aktivitätsniveau und Account-Alter?

Es ist eine Binsenwahrheit, aber: Nichts zieht Follower wohl mehr an, als interessante Inhalte zu twittern und auch online ein guter Gesprächspartner zu sein.

Fazit

Ich habe mit meiner Methode eine lebendige GIS-Szene Schweiz von circa 70 Nutzerinnen und Nutzern im virtuellen Raum entdeckt. Diese Personen haben sehr unterschiedliche Hintergründe und arbeiten bei verschiedenen Arbeitgebern. Schaut man sich aber die Communities im Netzwerk an, manifestieren sich Gruppen von Nutzerinnen und Nutzern über alle organisatorischen und auch Sprach-Grenzen hinweg. Das kann man als Zeichen eines lebendigen und interessierten Austauschs unter Gleichgesinnten verstehen.

Stephan Heuel und ich haben bereits Schritte unternommen, um die hier kartografierten virtuellen Netzwerke im echten Leben zu vertiefen: Am 6. März haben wir bei uns am Sitz von Ernst Basler + Partner in Zürich das 1. Schweizer GeoBeer veranstaltet, wo sich Gleichgesinnte zum Kennenlernen und Diskutieren trafen. Falls Sie Interesse haben am nächsten GeoBeer teilzunehmen, finden Sie alle Informationen auf der GeoBeer-Webseite [http://www.geobeer.ch] oder auf Twitter unter @GeoBeerCH. Es würde mich sehr freuen, Ihnen bald zu begegnen – im echten Leben oder virtuell!

Im Hinblick auf eine Aktualisierung bin ich dankbar für Hinweise auf noch nicht in meiner Analyse enthaltene GIS-Accounts.

Die hier gezeigten Grafiken sind online [http://geo.ebp.ch/2013/02/09/gis-netzwerk-im-zeitalter-von-social-media] abrufbar und können unter Namensnennung frei genutzt werden.

Sie können dem Autor auf Twitter folgen unter @rastrau.

Ralph Straumann
Projektleiter und Analyst, Datenanalyse + Prozessberatung, Ernst Basler + Partner
 
Ernst Basler + Partner AG
Ralph Straumann
Dr. sc. nat.
Mühlebachstrasse 11
CH-8032Zürich

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